Leseprobe [1/4]

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Sein kühler Blick drohte Fiona zu durchstechen, aber dennoch fühlte sie im Blick seiner grauen Augen die herzliche Wärme, nach der sie sich schon seit Jahren sehnte.
Schon als sie vorhin vor der Haustür des weitläufigen Landhauses stand, hatte sie eine kindliche Aufregung überkommen, die sie zum Zittern und Stottern brachte. Doch als sie nun die Worte schwerfällig aus sich herauspresste, war es ihr nicht unangenehm – im Gegenteil, sie erfreute sich sogar an ihrer eigenen naiven Aufregung. Ihr Gegenüber war diese absolut wert, dachte sie, denn auf diesen Moment hatte sie die letzten 33 Jahre ihres Lebens hingearbeitet.
„Wollen Sie mich nicht etwas fragen?“, wollte er lächelnd wissen.
Fiona konnte ihren Blick einfach nicht von ihm abwenden. Es kümmerte sie nicht, dass anscheinend nur sie das peinliche Schweigen zwischen Ihnen zu schätzen wusste und es war ihr ebenso vollkommen egal, dass ihr Gegenüber – ihr Interviewpartner, den sie eigentlich für die Schülerzeitung „Tintenklecks“ ausquetschen wollte – seit gefühlten zehn Minuten auf eine Frage von ihr wartete und ihm eigentlich die Geduld ausgehen musste.
„Also, wenn Sie bereit sind“, eröffnete er leicht zögerlich, „können wir ruhig anfangen.“
„Entschuldigung“, sagte Fiona und widmete sich wieder dem leeren Notizblock, der auf ihrem Schoß ruhte. „Ich war gerade ganz in Gedanken.“
„Schon in Ordnung“, erwiderte er in bester Laune. Er musste über Nerven aus Stahl verfügen, ebenfalls eine Eigenschaft, die Fionas Herz höherschlagen ließ.
„Wie darf ich Sie ansprechen?“, fragte sie. „Graf von Hohenheim?“
„Nennen Sie mich doch bitte bei meinem ersten Vornamen. Sie dürfen mich gerne bei meinem ersten Vornamen nennen: Nepomuk.“
Der ausgefallene Vorname war die einzige Ungereimtheit, die Fiona auf die Schnelle auffiel. Warum trug er keinen Namen, der auf seine ausgeprägte Männlichkeit schließen ließ? Ein Name, der jeden vor Hochachtung erzittern ließ. Dennoch würde sie mit Nepomuk zurechtkommen, so lange sie das hart ausgesprochene „von Hohenheim“ jedes Mal dazu betonte.
„Ich denke, viele Leser unserer Schülerzeitung interessieren sich vor allem für Ihr Alter“, sagte Fiona nun aufgeregt.
„Das glaube ich kaum“, meinte der Graf und lachte auf. „Warum sollten sich die Schüler für einen alten Mann interessieren? Die Jugend sollte besser nach vorne blicken! Reden wir doch lieber über mein Unternehmen. Ich bin mir sicher, viele Ihrer Leser würden sich für die Möglichkeit eines dreiwöchigen Schülerpraktikums interessieren.“
Aber viel mehr brannte Fiona eine andere Frage unter den Fingernägeln. Sie schätzte ihn um zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre älter als sich – jedoch nicht aufgrund seines grauen Seitenscheitels, der keine kahle Stelle an seiner Haarpracht offenbarte und auch nicht wegen seiner fast faltenfreien Haut, die zwar blass aber noch immer nicht kraftlos aussah. Die einzigen erwähnenswerten Falten entdeckte sie rund um seine glatt rasierten Mundwinkel und auf seiner sich runzelnden Stirn, nachdem nun schon wieder eine Zeit lang Schweigen zwischen ihnen herrschte. Das einzige Indiz für ein höheres Alter war die Art, wie er sich gab – die Art, wie er sich kleidete, vornehm und klassisch, altmodisch aber mit Stil, – die Art, wie er die Zimmer seines Hauses eingerichtet hatte: kein Fernseher, keine Fotos, kein Radio – stattdessen Bücher, Gemälde und Musikinstrumente. Vor allem was Fiona besonders freute: kein einziges Anzeichen, dass noch jemand außer ihm in diesem Haus lebte.
„Dass sie sich überhaupt selbst als alt bezeichnen, finde ich doch lustig. Ich finde, Sie haben sich sehr gut gehalten.“ Fiona riss die Augen auf, als sie weitersprach: „Ich würde auf schwarze Magie tippen!“
„Das nehme ich als Kompliment auf.“ Der Graf musste auflachen, stellte sein Lachen aber sofort ein, als Fiona begann, wie wild auf ihren Notizblock zu schreiben. Es war die erste Notiz, die sie sich seit dem Gesprächsanfang machte.
„Neben ihrem Alter interessieren sich unsere Leser natürlich auch für das zweite große Mysterium, des großen Grafen von Hohenheim“, sagte Fiona. „Wie schon ihre Vorfahren, sieht man auch Sie auf Pressefotos und öffentlichen Veranstaltungen stets mit ihrem Schwert.“
„Das ist ein Degen“, berichtigte der Graf stolz. Auch in diesem Moment befand sich die Klinge nicht weit von ihm entfernt. Er hatte seinen Degen gegen den gemütlichen Sessel gelehnt, auf dem er saß – stets in Griffweite. Die Klinge ruhte in der Schwertscheide, die aus mit schwarzem Leder ummanteltem Holz bestand. Vom eigentlichen Degen ragte nur der vergoldete Griff heraus.
„Es ist eine Art Tradition, dass die männlichen Mitglieder meiner Familie diesen Degen mit sich führen. Es war ein Geschenk des besten Freundes meines Urgroßvaters. Die beiden waren Kriegskameraden und kämpften in mehreren Schlachten Seite an Seite – so lange bis der Kamerad meines Vorfahren im Krieg tödlich verwundet wurde. Vielleicht ist das nicht mehr als eine Gute-Nacht-Geschichte meines Großvaters, aber die Vorstellung dieser Freundschaft berührt mich heute immer noch so sehr wie als kleines Kind.“
„Glauben Sie also, dass manche Freundschaften den Tod überdauern?“, fragte Fiona und beschmierte ihren Block mit weiteren Notizen.
„Manche Freundschaften der Vergangenheit haben immer noch Einfluss auf die Gegenwart“, stellte der Graf fest. „Und deswegen trage ich diesen Degen immer bei mir.“
Geistesabwesend starrte Fiona vor sich hin. Erneut hatte sie die Konzentration verloren und sinnierte für sich über den festen Glauben an Freundschaft, den die Hohenheims von Generation zu Generation bei sich trugen. Das Bild, das sie sich von ihm nach und nach zusammenbaute, drohte sie zu erschlagen. Wenn sich all ihre Hoffnungen und Erwartungen bezüglich des Grafen erfüllten, wäre er schlicht nicht mehr in ihrer Liga. Was hatte sie schon, womit sie ihn beeindrucken könnte? Ihre Familiengeschichten konnten sich nicht mit seinen messen, ihr Aussehen war durchschnittlich und sie selbst war auch nicht mehr die Jüngste. Sie war zwar erst dreiunddreißig, aber wohl amateurhafter geschminkt als so manche Vierzehnjährige. Mit einem knallroten Lippenstift wollte sie ihre dünnen Lippen betonen, mit einem dunklen Lidschatten ihre grünen Kulleraugen hervorheben. Den halben Vormittag hatte sie mit dem Bürsten ihrer lockigen braunen Haarpracht verbracht und schließlich musste sie auch noch ein Kostüm finden, das elegant aussah und zudem noch ihre mittelmäßige Figur betonte. Letztendlich war sie mit dem Resultat dennoch unzufrieden gewesen. Sie konnte nur hoffen, dass der Graf über ausreichend Mitleid verfügte, auch über das Interview hinaus Zeit mit ihr zu verbringen.
Als die skeptischen Falten auf der Stirn des Grafen erneut sichtbar wurden, sah sich Fiona gezwungen, die Stille zu durchbrechen. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie noch nie im Krieg dienen mussten? Also, ich vermute, Sie hatten Besseres zu tun. Ihr Vater verstarb ja ziemlich früh und vermachte Ihnen das Familienunternehmen. Von da an mussten Sie die Verantwortung übernehmen und mehrere Metzgereien und Fleischfabriken betreiben, in denen auch die weltbekannte Hohenheim-Fleischpastete hergestellt und vertrieben wird. Ist es eine Mindestvoraussetzung, Blut sehen zu können, wenn man als Nachkomme in das Familienunternehmen einsteigen möchte?“
Der Graf atmete erleichtert auf, als Fionas ungewöhnliche Schweigephase von einer noch ungewöhnlicheren Überleitung abgelöst wurde. Geschickt manövrierte seine Gesprächspartnerin ihre Fragen rund um die möglichen trockenen Themen, nur um ihn mit bedenkenswerten Fragen nach Blut, Tod und Krieg zu bombardieren. Den Schülern, die sich vorwiegend für diese grausigen Themen interessierten, wollte er nicht über den Weg laufen.
„So lange es nicht mein eigenes Blut ist, habe ich damit kein Problem“, scherzte der Graf, woraufhin Fiona wieder zu ihrem Notizblock griff. „Ich habe die Leitung und Verwaltung der Standorte schon vor langer Zeit an erfahrenere Menschen abgegeben und seit ich nur noch das Kapital der Familie verwalte, bekomme ich viel weniger Blut zu Gesicht. Und nein, ich hatte das große Glück, nie einen Krieg erleben zu müssen.“
„Als sie dem aktiven Geschäft den Rücken kehrten, waren viele Analysten überrascht. Aber noch verwunderlicher war jedoch, als Sie vor einem Jahr in dieses ruhige Dörfchen zogen. Die Hohenheims haben ihren Ursprung im sonnigen Süden, doch nach und nach zog ihre Familie weiter in den Norden. Was trieb Sie in diese Einöde?“
„Wie zu meiner aktiven Zeit in dieser Branche orientierte sich meine Familie vor allem an wirtschaftlichen Faktoren. Unser Sitz musste immer nah an dem Geschäft sein, unsere geschäftliche Standortwahl musste stets rentabel sein. Das bedeutete: niedrige Lohn- und Mietkosten in Verbindung mit weitläufigen Landschaften für viel Vieh. Nachdem ich nicht mehr jeden Tag in den Fabriken vorbeischauen musste, konnte ich endlich einen Wohnort fernab des Geschäfts wählen – und mich zieht es eben in die ruhigeren Gegenden.“
Während Hohenheims Abschweifungen in die Rentabilität und Standortwahl schrieb Fiona kein einziges Wort mit. Demnach kam ihre nächste Frage nun wesentlich schneller und bissiger als zuvor. „Und dass Sie genau neben einem Friedhof wohnen, ist reiner Zufall?“
„Dieses Haus stand gerade frei, und ich habe es direkt in mein Herz geschlossen. Da ich nicht an Geister oder ähnliches glaube, stört mich die Nähe zum hiesigen Friedhof nicht.“
„Seitdem sie hierhergezogen sind, kursiert die Geschichte der sogenannten Roten Gräfin, einem Mitglied ihrer Familie, welches vor Hunderten von Jahren für eine Mordserie verantwortlich war. Dies geschah laut der Legende in einem ruhigen Dorf, ähnlich ruhig wie unser Örtchen. Können Sie die Angst der Dorfbewohner verstehen, dass sich die Geschichte wiederholen könnte?“
Der Graf musste auflachen. „Das Schauermärchen über die Rote Gräfin verfolgt mich in jedes noch so kleine Dorf. Es hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen, was einerseits ärgerlich für den Namen meiner Familie, aber einerseits auch verständlich ist. Die Leute erfreuen sich nun mal daran, dass auch unter adligen Häusern Abwasserrohre verlaufen.“
„Wenn wir schon über Gerüchte sprechen, die gerade im Dorf kursieren …“ Fiona hielt inne, sah den Grafen gespannt an und wartete vergeblich auf seine Reaktion. „Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass sich in diesem Ort ein Vampir verstecken soll?“
Die Skepsis kehrte in das Gesicht des Grafen zurück. Er musste in seinem Leben bereits viele sonderbare Befragungen über sich ergehen lassen und wurde oftmals auf Nebensächlichkeiten angesprochen, doch selten hatte eine Reporterin ein derart großes Interesse an den absurden Gerüchten, die von betrunkenen Dörflern in die Welt gesetzt wurden. „Fürchterlich, nicht wahr? Ich schlafe neuerdings nur noch mit einem Kruzifix unter meinem Kissen“, sagte der Graf spöttisch und hoffte, er könnte Fiona mit seinem Sarkasmus ein Signal geben, dass er das Interview wieder in eine andere Richtung lenken wollte – doch die Reporterin machte sich nur weitere Notizen.
„Ist das … für ihre Zeitung wirklich wichtig?“, fragte Hohenheim zögerlich.
Mit starrem Blick sah Fiona von ihrem Notizblock auf. „Glauben Sie auch an Vampire?“
„Natürlich“, sagte der Graf verzweifelt. „Wollen Sie jetzt auch noch wissen, welche Armbrust ich für eine Werwolfjagd empfehlen würde?“
„Werwölfe?“, fragte Fiona irritiert. „Nein, das wäre ja absurd.“
„Ja, absolut absurd“, wiederholte der Graf. „Für welche Zeitung arbeiten Sie gleich?“
„Es tut mir leid, aber ich muss es einfach fragen“, eröffnete Fiona und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Sie holte tief Luft, ehe sie voller Erwartung fragte: „Sind Sie ein Vampir?“
„Ja, ich bin ein Vampir. Aber bitte erzählen Sie es nicht weiter.“ Der Graf musste sich die Stirn festhalten, um nicht völlig die Geduld zu verlieren. Mit leiser Stimme, machte er Fiona einen letzten Vorschlag: „Wollen wir jetzt nicht mal über die Hohenheim-Fleischpastete reden?“
Doch Fiona ließ sich nun nicht mehr abbringen.
„Ernsthaft!“, rief sie aus. „Sie leben neben einem Friedhof, haben eine mysteriöse Vergangenheit und sind sehr wahrscheinlich mit einer Massenmörderin verwandt. Dazu die grauen Haare, das verlassene Landhaus, die altmodische Einrichtung und vor allem dieses junge Aussehen bei Ihrem eigentlichen Alter. Dann führen Sie auch noch ein Unternehmen, in dem tagtäglich literweise Blut fließt. Sie könnten unbemerkt Jungfrauen entführen, sie aussaugen und in Ihren Metzgereien entsorgen! Sie müssen einfach ein Vampir sein!“
Dank der absurden Vorwürfe entspannten sich die skeptischen Gesichtszüge des Grafen zu einem amüsierten Grinsen.
„Tut mir leid, Sie und Ihre blühende Fantasie enttäuschen zu müssen, aber ich bin nur ein einfacher Unternehmer. Und ohne ihnen zu nahe treten zu wollen – sind Sie nicht etwas zu alt, um an Vampire zu glauben? Und außerdem ein bisschen zu alt … um für eine Schülerzeitung zu arbeiten?“
Verzweifelt sah Fiona auf den Boden und hob ihre Handtasche auf ihren Schoß.
„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, Nepomuk, aber es lässt mir einfach keine Ruhe. Ich muss Sie einem letzten Test unterziehen.“
„Nur zu“, sagte der Graf und lehnte sich zurück. Er griff zu seiner Kaffeetasse und nahm einen großen Schluck.
„Wenn Sie wirklich kein Vampir sind“, sie griff in ihre Handtasche und nahm ein kleines Fläschchen mit rotem Inhalt heraus, „dann wird Sie das wohl auch nicht aus der Fassung bringen!“
Fiona zog den Stopfen des Fläschchens ab und übergoss ihr Kinn mit der klebrigen roten Flüssigkeit. Der Graf identifizierte die Flüssigkeit auf den ersten Blick als Blut, wollte sich jedoch nicht ausmalen, woher es wohl stammte.
Das Blut lief Fionas Kinn hinunter, tropfte auf ihren Hals und ihre bis gerade eben noch schneeweiße Bluse. Sie lächelte siegessicher, als sie blutverschmiert vor ihm saß.
„Na? Werden Sie schon von Ihrem Blutdurst übermannt? Können Sie es kaum erwarten, über mich herzufallen? Lassen Sie jetzt endlich Ihr inneres Monster von der Leine und rammen Ihre Fangzähne in meinen zarten, köstlichen Hals?“
Als der Graf keine Antwort gab und auch keine Anstalten machte, sich auf Fiona zu stürzen, hielt sie inne.
„Nein?“, fragte sie vorsichtig.
Der Graf trank noch einen Schluck Kaffee, ehe er bedauernd den Kopf schüttelte.
Fiona sah beschämt auf ihre mit Blut versaute Bluse hinab. „Wirklich nicht?“, fragte sie hoffnungsvoll.
Ein leichtes Grinsen kehrte in das Gesicht des Grafen zurück. „Das Interview ist beendet.“

 

Eden Odyssee
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